Zunächst höre ich sie nur. Ich stehe ganz allein im nebligen Moor, während irgendwo am Wasser in der Ferne die ersten Gänse und Kraniche wach werden. Ihre Stimmen werden lauter, immer mehr kommen hinzu. Irgendwann füllt sich auch der Himmel: Ein Schleier aus Vögeln zieht über die Landschaft. Es ist einer dieser Momente, in denen ich die Kamera für einen Augenblick sinken lasse. Ich möchte einfach nur dort stehen und zuhören.
Drei Tage habe ich mir in diesem Herbst genommen, um die Moorniederungen zu erkunden. Ich wollte die Landschaft kennenlernen, Vögel beobachten und herausfinden, welche fotografischen Möglichkeiten sich hier bieten. Dabei ging es auch schon um einen Workshop im nächsten Jahr. Wie sehr mich diese Tage selbst berühren würden, wusste ich bei der Anreise noch nicht.
Zwischen den Gänsen
Am ersten Tag zieht es mich ins Niedermoor. Hunderte Gänse haben sich hier versammelt. Beim genaueren Hinsehen entdecke ich auch die ersten arktischen Gäste, darunter Blässgänse. Ich nehme mir Zeit, die Vögel zu beobachten und mich in das geschäftige Durcheinander einzusehen.
Immer wieder kommen neue Gruppen angeflogen. Schon aus der Ferne kündigen ihre Rufe sie an, dann erscheinen sie am Himmel und nähern sich den anderen. Für Flugaufnahmen ergeben sich immer neue Gelegenheiten. Ich versuche, einzelne Vögel aus dem Trubel herauszulösen, verfolge sie mit der Kamera und warte auf den passenden Moment.
Dabei merke ich schnell, wie gut es tut, länger an einem Ort zu bleiben. Nach und nach bekomme ich ein Gefühl dafür, was um mich herum passiert. Und trotzdem gibt es ständig etwas, das mich überrascht.
Das Warten auf den Mond
Am Abend fahre ich weiter ins Hochmoor. Zum Sonnenuntergang werden hier viele Kraniche und Gänse erwartet, die zu ihren Schlafplätzen zurückkehren. Es ist Vollmond, und seit einiger Zeit habe ich ein bestimmtes Bild im Kopf: Kraniche, die vor der hellen Mondscheibe vorbeifliegen.
Zunächst ist vom Mond allerdings nichts zu sehen. Während ich die ankommenden Vögel beobachte, wandert mein Blick immer wieder zu der Stelle, an der ich ihn erwarte. Wird er sich überhaupt zeigen? Und wenn er auftaucht: Werden dann noch Kraniche in der passenden Richtung fliegen?
Irgendwann meine ich, einen schwachen Kreis zu erkennen. So blass, dass ich erst nicht sicher bin. Doch dann wird er deutlicher. Langsam tritt die Mondscheibe hervor. Jetzt steigt die Spannung. Ich suche den Bildausschnitt, beobachte die Flugbahnen und versuche, die Vögel im richtigen Augenblick zu erwischen. Ein sichtbarer Mond allein reicht eben noch nicht für das erhoffte Foto. Die Kraniche müssen auch genau dort vorbeiziehen.
Dann passt es tatsächlich. Nach all dem Warten gelingt das Bild, auf das ich gehofft habe. Ich schaue auf das Kameradisplay und freue mich riesig. Gerade noch war völlig offen, ob es überhaupt eine Gelegenheit geben würde. Nun ist dieser kurze Moment festgehalten.
Gelbe Gräser und weiße Birkenstämme
An den nächsten Tagen nehme ich mir Zeit für das Moor selbst. Zwischen den Begegnungen mit den großen Vogelschwärmen entdecke ich eine Landschaft, die auch im Kleinen unglaublich viel zu bieten hat.
Besonders die Birken und die gelben Gräser haben es mir angetan. Das Weiß der Stämme zwischen den warmen Herbstfarben, die Linien der Gräser, wiederkehrende Formen: Ich suche Ausschnitte und arbeite mit Farben und Strukturen. Manchmal reicht schon eine kleine Veränderung des Standpunkts, damit sich die Elemente im Bild neu ordnen.
Diese ruhigere Art des Fotografierens genieße ich sehr. Nach den Flugaufnahmen, bei denen oft alles schnell gehen muss, kann ich hier einen Bildausschnitt langsam entwickeln und genauer hinschauen. Auch tierische Begegnungen gibt es unterwegs immer wieder. Besonders freue ich mich über einen Raubwürger – eine dieser Beobachtungen, die sich nicht planen lassen und gerade deshalb lange in Erinnerung bleiben.
Ein vertrauter Tagesrhythmus
Mit der Zeit bekommen meine Tage einen Rhythmus. Nachmittags fahre ich wieder ins Niedermoor zu den Gänsen. Abends zieht es mich ins Hochmoor, um die Rückkehr der Kraniche zu erleben.
Obwohl ich mehrfach an dieselben Orte zurückkehre, fühlt sich jeder Besuch anders an. Das Licht verändert sich, andere Gruppen treffen ein, Flugrichtungen und Bildmöglichkeiten wechseln. Ich freue mich zunehmend auch auf das, was ich schon kenne: die Stimmen, das Warten und den Augenblick, in dem die nächsten Vögel über dem Moor auftauchen.
Besonders dieser eine Morgen im Nebel bleibt mir im Gedächtnis. Wie die Rufe in der Ferne anschwellen und schließlich überall Vögel am Himmel sind. Beim Fotografieren konzentriere ich mich oft auf einen kleinen Ausschnitt. Hier möchte ich zwischendurch einfach die ganze Szene aufnehmen – mit den Augen und vor allem mit den Ohren.
Wiederkommen
Aus diesen drei Tagen nehme ich viele Bilder mit und mindestens ebenso viele Erinnerungen. Außerdem ist die Vorfreude gewachsen, im nächsten Herbst zurückzukehren und diese Landschaft gemeinsam mit anderen zu entdecken.
Dafür habe ich meinen Workshop „Wächter der Moore“ vom 22. bis 24. Oktober 2027 vorbereitet. Die Kraniche und Wildgänse gehören für mich genauso dazu wie die Birken, die Gräser und die kleinen Motive am Wegesrand. Ich möchte mir mit der Gruppe Zeit nehmen, diese unterschiedlichen Seiten des Moores kennenzulernen und eigene Bilder zu finden.
Ob sich dann wieder Kraniche vor dem Vollmond zeigen, lässt sich natürlich nicht planen. Aber nach diesen Tagen freue ich mich schon sehr darauf, zu sehen und zu hören, was uns beim nächsten Mal erwartet.