Flüsternde Pilze

Manchmal muss man für ein gutes Fotomotiv lange suchen. Und manchmal kommt man gerade einmal fünf Minuten weit, bevor man feststellt, dass man vermutlich den gesamten Nachmittag an einem einzigen Baumstamm verbringen könnte. Genau so begann unser diesjähriger Workshop „Herbst vor der Haustür“.

Schon auf den ersten Metern wurde deutlich, dass der Herbstwald in diesem Jahr einiges für uns bereithielt. Überall entdeckten wir Pilze in den unterschiedlichsten Formen und Größen. Doch dann standen wir plötzlich vor einem riesigen, umgestürzten Baumstamm, der über und über mit Buchenschleimrüblingen, kleinen Helmlingen und verschiedensten Baumpilzen bewachsen war. Ein kleines Paradies für die Makrofotografie! Und so war schnell klar, dass wir uns die Suche nach weiteren Motiven erst einmal sparen konnten.

Ein Baumstamm, unzählige Möglichkeiten

Zu Beginn ließen wir unsere Teilnehmer*innen einfach ausprobieren. Jeder sollte sich in Ruhe umschauen, eigene Motive entdecken und erste Bildideen entwickeln. Und davon gab es reichlich! Während die einen versuchten, die kleinen Pilze möglichst detailreich und natürlich in Szene zu setzen, begannen andere schon bald mit ungewöhnlichen Perspektiven, bewussten Unter- und Überbelichtungen oder dem Einsatz von künstlichem Licht zu experimentieren. Vom Weitwinkel bis zum Makroobjektiv kam so ziemlich alles zum Einsatz, was die Fototaschen hergaben.

Besonders schön war dabei zu beobachten, wie wir uns gegenseitig immer wieder auf neue Ideen brachten. Hier entdeckte jemand einen spannenden Bildausschnitt, dort wurde mit einer Taschenlampe eine ganz besondere Lichtstimmung erzeugt. Und plötzlich standen drei weitere Teilnehmer*innen daneben und überlegten, wie sie diese Idee auf ihre ganz eigene Weise umsetzen könnten. Mit jeder Stunde wurden die Bilder kreativer und die Experimentierfreude größer.

Fast hätten wir darüber vergessen, was um uns herum eigentlich noch alles passierte. Denn während wir uns auf die winzigen Bewohner unseres Baumstamms konzentrierten, bot uns der Wald eine ganz besondere Geräuschkulisse. Immer wieder hallten die tiefen Rufe röhrender Hirsche zwischen den Bäumen wider und hoch über unseren Köpfen zogen Hunderte Kraniche rufend durch den Himmel. Herbstlicher hätte die Stimmung kaum sein können.

Eine kleine Pause von den Pilzen

Nach einigen Stunden hatten wir dann aber doch das Bedürfnis, unsere Kameras einmal auf etwas anderes zu richten. Also ließen wir unseren inzwischen liebgewonnenen Baumstamm zurück und machten uns auf den Weg durch den Wald.

Und tatsächlich wartete noch eine kleine Überraschung auf uns: ein Waldkauz, der sich einen sonnigen Platz ausgesucht hatte und dort offenbar genauso wie wir das schöne Herbstwetter genoss. Natürlich ließen wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen und nahmen uns noch etwas Zeit, den heimlichen Waldbewohner zu fotografieren.

Neue Ideen und der Kampf mit der Komfortzone

Am nächsten Morgen trafen wir uns zunächst im Seminarraum. Gemeinsam schauten wir uns die Ergebnisse des Vortages an, bearbeiteten einige Aufnahmen und besprachen, was bereits gut funktioniert hatte und wo vielleicht noch etwas Potenzial schlummerte. Gerade diese gemeinsamen Bildbesprechungen sind für mich immer wieder ein besonders schöner Teil unserer Workshops. Denn obwohl wir am Vortag alle vor demselben Baumstamm gesessen hatten, waren völlig unterschiedliche Bilder entstanden. Manche ruhig und verträumt, andere dunkel und geheimnisvoll oder hell und beinahe abstrakt. Und natürlich brachte dieser Austausch wieder jede Menge neue Ideen hervor.

Mit diesen ging es anschließend zurück in den Wald. Dieses Mal wollten wir uns noch etwas intensiver mit unseren Motiven beschäftigen und versuchen, unsere Bildideen gezielt weiterzuentwickeln. Dabei stellten wir allerdings schnell fest, dass zwischen einer guten Idee und dem fertigen Foto manchmal eine ganze Menge Geduld liegt. Plötzlich mussten Stative aufgebaut, Fokus-Stacks eingestellt, Lichtquellen ausgerichtet und Kameras in Positionen gebracht werden, für die man eigentlich mindestens drei Hände gebraucht hätte.

Und für den einen oder anderen begann damit eine kleine Reise aus der fotografischen Komfortzone. Schließlich ist es ja auch viel angenehmer, einfach auf den Auslöser zu drücken, als sich minutenlang mit einem Stativ herumzuärgern, das partout nicht dort stehen möchte, wo man es gerne hätte. Ganz zu schweigen von der Herausforderung, einen winzigen Pilz mit künstlichem Licht so auszuleuchten, wie man sich das im Kopf vorgestellt hat.

Doch genau darum ging es uns an diesem zweiten Tag. Nicht beim ersten gelungenen Foto stehen bleiben, sondern weiter ausprobieren, Einstellungen verändern, neue Perspektiven suchen und manchmal auch eine Idee wieder verwerfen. Das kostete zwischendurch durchaus ein wenig Überwindung, führte aber immer wieder zu kleinen Erfolgserlebnissen. Und als wir uns schließlich die Ergebnisse anschauten, war die Freude umso größer. Da waren plötzlich Bilder entstanden, die sich viele am Vortag vielleicht noch gar nicht zugetraut hätten. Spätestens jetzt waren sich alle einig, dass sich die Mühe gelohnt hatte.

Besonders schön war für mich zu sehen, wie sich die Bildideen über das Wochenende weiterentwickelt haben. Wie aus ersten Versuchen immer bewusstere Aufnahmen wurden und wie viel Kreativität entstehen kann, wenn man sich gemeinsam Zeit nimmt, genau hinzuschauen.

Denn manchmal braucht es für ein spannendes Foto weder eine spektakuläre Landschaft noch ein seltenes Tier. Manchmal reicht auch ein alter Baumstamm voller Pilze. Man muss sich nur die Zeit nehmen, seine Möglichkeiten zu entdecken.

Vielen Dank an alle, die dabei waren, für eure Neugier, eure Experimentierfreude und dieses wunderschöne gemeinsame Wochenende!

Und wer jetzt ebenfalls Lust bekommen hat, mit uns in die faszinierende Welt der Pilzfotografie einzutauchen, darf sich schon auf das nächste Jahr freuen. Dann geht es mit unserem neuen Workshop „Pilzgeflüster“ wieder in den herbstlichen Wald. Wir freuen uns schon darauf!

 

Lutz G.

Ronny M.

Stefan D.

Amei B.

Ronny M.

Ronny M.

Amei B.

Andreas B.

Weiter
Weiter

Goldlaub und Geweih